Nachdem ihr jetzt schon die Fotos davon gesehen habt, wie ich so Weihnachten verbracht habe, sollen hier nochmal ein paar nähere Erklärungen folgen.
Weihnachten (wie übrigens auch Silvester) ist kein Feiertag auf Taiwan. Zumindest nicht wegen Weihnachten oder Silvester. Das heißt es wird komplett normal, 24h am Tag gearbeitet. Wir von der Wenzao hatten aber trotzdem eine Extrawurst: der 25.12. (Dienstag) war trotzdem frei, weil viele Schüler an den beiden Wochenenden rund um Weihnachten große Sprachprüfungen haben. Am 22. und 23.12. gab es Englisch-Tests (TOEFL und TOEIC, glaube ich) und am 29. und 30.12. das "Zertifikat Deutsch" und deswegen wurde das Wochenende den Schülern in Form eines freien Tages (mitten in der Woche) "rückerstattet". Der 01.01. ist dann "Tag der Republikgründung" und damit ebenso frei gewesen, musste aber nicht nachgeholt werden (puh).
Tagesplan für Weihnachten (24.12.):
8-10Uhr: Chinesischkurs (wie immer)
11-12Uhr: Deutsch bei E2B (eigentlich wollte ich mit denen ja auch singen, aber da das bei dem Abendkurs schon nicht sooo der durchschlagende Erfolg war... bis zu dem Zeitpunkt wo ich die blinkende Weihnachtsmütze auf und die Schokolade verteilt hatte ;o) und der Kurs sowieso "Lesen" heißt, haben wir eine Weihnachtsgeschichte gelesen)
danach: versuchen, ein bisschen in Weihnachtsstimmung zu kommen
17-19Uhr: Weihnachtsessen
20-22Uhr: Kino (und ich habe mal wieder den Namen des Films vergessen... es ging um England, ein Phantasiekönigreich von England getrennt durch eine Mauer mit Loch, einen Kometen das Königshaus des Phantasiekönigreiches und war ein schönes Märchen mit Happy End... Stardust, jetzt ist es mir doch glatt beim Tippen eingefallen ;o))
Für den normalen Taiwanesen ist Weihnachten eigentlich nur ein weiterer Anlass, um mit der Familie oder Freunden etwas Essen zu gehen und den Kindern ein paar Geschenke zukommen zu lassen. Es gibt schon den ganzen Dezember über Weihnachtsdekoration und Weihnachtsmusik in bestimmten Läden. Zwar nicht überall, aber da, wo es welche gibt, ist es grundsätzlich amerikanisch-übertrieben (siehe die Bilder vom weihnachtlichen Wenzao Campus). Ich habe im ganzen Dezember vielleicht einen geschmackvoll dekorierten (nicht überladenen, blinkenden, bunten) Weihnachtsbaum gesehen und das war ironischer Weise in einer ziemlich gehobenen Schnapsbar/Bordell (wir waren nicht drin und sind uns nicht so 100% sicher....). Da Weihnachten ansonsten ein normaler Arbeitstag ist und auch drumrum keine Ferien liegen, gibt es am Weihnachtsabend selbst fast gar keine Weihnachtsstimmung.
Mit Silvester ist es so ähnlich. Allerdings ist wie gesagt der 01.01. ohnehin Nationalfeiertag, also gibt es am 31.12. abends ein kleines Feuerwerk und vorher ein paar Veranstaltungen, zu denen man mit Freunden gehen kann. Natürlich ist auch hier (wie in Deutschland) der Sinn von Silvester für Jugendliche sich zu betrinken und ich bin ziemlich froh, dass ich mit meinem geliehenen Scooter selber in die Stadt gefahren bin und nicht bei einem unserer angeheiterten Mitfeiernden mitfahren musste. Auch wenn es in der Nacht auf dem Rückweg ziemlich(!) kalt war und wir uns doch ganz schön erkältet haben in der Woche danach.
Tagesplan für Silvester (31.12.):
8-10Uhr Chinesischkurs
11-12Uhr Deutsch mit der E2B. Wir hängen *immer noch* an dieser Weihnachts-/Wintergeschichte "Das kleine Schneeflöckchen" http://www.weihnachtsstadt.de/Geschichten/Maerchen/Das_kleine_Schneefloeckchen.htm
Die Geschichte ist nicht sooo schwierig, die Fragen auch nicht, die schwierigsten Vokabeln sind wir durchgegangen und wenn die Schüler trotzdem was nicht verstehen, dürfen sie jederzeit fragen. Das wissen sie auch. Trotzdem gibt es hier immer wieder die selbe Szene:
Du stellst eine Frage in die Klasse. 53 Schüller gucken dich völlig ausdruckslos/gelangweilt/hilflos an und machen keinen Mucks. Du wiederholst die Frage anders formuliert. Es kommt von irgendeiner Flügelvorderbank eine Antwort, die ungefähr zwei Wörter beinhaltet, maximal. Du bittest die Klasse, einen vollständigen Satz zu bilden. Du merkst an, dass die Antwort überhaupt nichts mit der Frage zu tun hatte und fragst nochmal, vielleicht mit einer kleinen Hilfestellung. Es wiederholt sich die Prozedur, nur mit einer immer noch unvollständigen Antwort, die aber schon mal ein Anfang ist. Du weist auf den Absatz der Geschichte hin, in der die Antwort steht. Wenn du viel Glück hast, holen an dieser Stelle 50% der Klasse ihre Texte hervor und gucken tatsächlich mal nach. Der Rest sitzt immer noch scheinbar in Raum und Zeit gefroren starrend auf den Bänken. Von einer der Flügelhinterbänke schallt es laut und deutlich: "Zu schwer!", das ist ihre Lieblingsantwort, die normalerweise kommt, bevor sie auch nur 2 Sekunden nachgedacht haben. Du schüttelst den Kopf und fragst die Ausgangsfrage nochmal. Jetzt bekommst du eine schon fast richtige Antwort von Stephanie oder Winnie (die 2 Klassenprimen... Primusse??...egal ;o)) und musst nur nochmal erklären, warum das jetzt nur fast und nicht ganz richtig ist.
konkretes Beispiel:
L= Lehrer / S=Schüler
L: "Wie viele Personen gibt es in der Geschichte?" (zugegeben, das ist eine etwas kniffelige Frage, weil man keine konkrete Anzahl nennen kann. Richtig wäre: Mehr als 2 oder mindestens 3... oder sowas, da es "den Jungen" und "die (anderen) Kinder" gibt).
S: ...
L:"Wer ist in der Geschichte?" (einfachere Wortwahl)
S: "Heilig Abend!"
L: ??!?? ... "Einen Satz, bitte!"
S: "Die Geschichte ist Heilig Abend."
L: "Die Geschichte ist vor Heilig Abend, das stimmt. Aber wie viele Leute hat die Geschichte?"
S: "Zu schwer!"
L: "Wen gibt es denn in der Geschichte?"
S: "Junge!"
L: *guckt böse*
S: "Es gibt einen Jungen."
L: *nickt* "Gut, einen Jungen und wen noch?"
S: ...
L: "Guckt doch mal in Absatz ...!"
S: *kram* "Ah! 2!"
L: ???
Winnie: "Es gibt 2 Personen in der Geschichte."
L: "Aha und wen?"
S: "Der Junge und die Kinder!"
L: "Die Kinder... wie viele sind das? Eins oder mehrere?"
S: ... "Mehrere!"
L: "So und das macht dann mindestens wie viele Personen."
Stephanie: "Ah! 3!"
Ja, danke, nach ungefähr 7 Minuten eine Antwort auf eine Frage über eine Geschichte die wir schon seit über 100 Minuten zerpflücken... danke!
Tja, so in etwa liefen an Silvester die kompletten 50 Minuten Deutsch und danach hatte ich ordentliche Kopfschmerzen. Habe dann also erstmal auf's Mittagsessen verzichtet und mich hingelegt.
17-18Uhr Abendessen
21-22Uhr in die Stadt fahren
22-23Uhr in einem Park so tun als würde man sich abwechselnd mit Sake und Bier betrinken
23-23.55Uhr zum Hafen fahren und sich durchdrängeln
23.55- 00.10 Countdown und Feuerwerk angucken, Umstehenden "xin nian kuaile" wünschen
00.10- 00.30 Rückweg zum Scooter durch von der Polizei gesperrte Straßen
00.30- 00.40 den Polizisten auf den Keks gehen und das Polizeirevier besichtigen
00.40- 1.20 nach Hause scootern und frieren
1.20- 1.40 mit Sekt anstoßen und danach ins Bett